Pepi, Luci, Bom and Other Average Girls


Hommage an Pedro Almodóvar

Abgesehen von seinen vielzähligen Auszeichnungen (er hat zwei Oscars, fünf Baftas, zwei Emmys, sechs European Film Awards, zwei Golden Globes, neun Goyas und vier Preise in Cannes gewonnen), ist Pedro Almodóvar einer der wichtigsten Regisseure, Drehbuchautoren, Produzenten und Intellektuellen der Postmoderne.

Durch seine einzigartige kinematographische Sprache, in der sich unterschiedlichste Genres, wie Melodrama, US-amerikanische Komödie, französischer Film Noir, Thriller, Neo-Realismus und sogar Horror vermischen, wurde er zu einer weltweiten Ikone. Sein Werk ist vielfach von Regisseuren wie Rainer Werner Fassbinder, Douglas Sirk, John Waters, Jean-Pierre Mevlille, John Cassavetes und Luis Buñuel inspiriert und übertrifft in einigen Fällen sogar das Original. Dabei stets mit einer exquisiten Inszenierung, die sowohl poppig als auch campy ist und einem überaus gefühlvollen Soundtrack, in dem Boleros, Rancheras, Punk, Jazz und Flamenco eklektisch glänzen.

Doch so überwältigend Almodóvars Ästhetik ist, so überwältigend sind auch seine Figuren und Themen. Almodóvars Filmografie ist geprägt von starken Frauenfiguren; die Populärkultur hat für ihn den Begriff „Almodóvar-Girl“ geprägt. In seinen Filmen gibt es immer Frauen, die stark, hilfsbereit und fähig zu Freundschaft oder Liebe sind. Diese Frauen wurden von Penélope Cruz, Carmen Maura, Victoria Abril, Chus Lampreave und Rossy de Palma gespielt, um nur einige zu nennen. Mit diesen „Almodóvarischen Frauen“ hat der Regisseur schöne und tiefgründige Reflexionen über Leidenschaft, Schicksal, Familie und Identität geschaffen und dabei mit Humor und Eleganz das Spanien seiner Zeit seziert. Er hat mit uns über katholische Erziehung, geschlechtsbezogene Gewalt, historische Erinnerung, die Wirtschaftskrise und politische Unsicherheit gesprochen.

Aber falls es ein Thema gibt, das in seinem Werk im Vordergrund steht, so ist es die Sehnsucht, der irrationale Trieb mit dramatischen Folgen. Dieses Verlangen ist so wesentlich für die Filmsprache des Regisseurs, dass er zusammen mit seinem Bruder Agustín eine Produktionsfirma namens El deseo gründete, von der aus seit 1987 alle Filme des Autors und anderer Autor*innen wie Isabel Coixet und Lucrecia Martel produziert wurden.

Die verschiedenen Phasen seines Filmschaffens lassen sich durch unterschiedliche Zustände des Begehrens beschreiben:

– Das subversive Begehren (1980 – 1987): Kino im Kontext der „La Movida Madrileña“, einer Kulturbewegung, die unmittelbar nach dem Tod des Diktators Franco begann. Daraus resultierte das Ende von Zensur und der Anfang einer modernen Demokratie, was einen Wertewandel in der spanischen Gesellschaft bedeutete. Almodóvars Kino ist sowohl inhaltlich als auch hinsichtlich seiner Machart äußerst provokant. Mit einem sehr geringen Budget drehte Almodovar seinen ersten Film: Pepi Luci Y Bom y otras chicas del montón (Pepi, Luci, Bom und der Rest der Bande, 1980), den das Festival zu Ehren des Regisseurs im Rahmen der Hommage zeigen wird. Der Film verbindet Szenen von Sadomasochismus, lesbischer Liebe und Alternativkultur. Aus dieser Phase sind Laberinto de pasiones (Labyrinth der Leidenschaften, 1982), ¿Qué hecho yo hecho yo para merecer esto! (Womit hab’ ich das verdient?, 1984) und der erste von seiner eigenen Produktionsfirma produzierte Film, La ley del deseo (Das Gesetz der Begierde, 1987) hervorzuheben.

Das körperliche Begehren (1988 – 1997): Pedro Almodóvar dreht Filme über unbändige Leidenschaften, perfektioniert seine Form und feiert internationale Erfolge, darunter seinen urkomischen Kultklassiker Mujeres al borde de un ataque de nervios (Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs, 1988) und Átame (Fessle mich!, 1989).

Das Begehren der Identität (1999 – 2006): Eine Phase, in der die Suche des Autors nach der eigenen Identität sowie seine Beziehung zu seiner Homosexualität und dem Thema Mutterschaft deutlich werden. In dieser Phase gewinnen auch die Handlungen seiner Filme an dramatischer Komplexität, während sein nationales und internationales Ansehen den Höhepunkt seiner Karriere erreicht. Aus dieser Zeit stammen auch seine Meisterwerke: Todo sobre mi madre (Alles über meine Mutter, 1999) und Hable con ella (Sprich mit ihr, 2002).

Das introspektive Begehren (2009 – heute): In dieser letzten Phase entfernt sich Almodóvars Kino von der Provokation, die den Beginn seiner Karriere charakterisierte und nähert sich einem bitteren und ernsten Klassizismus an, wie in Julieta (2016) und Dolor y gloria (Leid und Herrlichkeit, 2019).

Zweifelsohne löst Almodóvar mit jedem seiner Filme einen Wirbelsturm aus, und das ist kein Wunder, denn sein Kino geht über das Filmische hinaus. Unser Leben ist almodóvarisch: die gemusterte Tapete im Lieblingscafé, die coolsten Ohrringe im Laden, ein Feuerzeug mit Zebra-Print, ein Winter in Madrid, das Lied, das dich zum Weinen bringt, und jenes, zu dem  du lauthals im Auto  mitschreist, die roten Valentino-Lippen, die Disco mit rosa Pelz, unsere Freunde und Schwestern, die Tragödie wenn eine Beziehung übers Telefon beendet wird, mein Dildo. Wir erleben unser Leben, als hätte es sich bereits in einem Almodóvar-Film abgespielt. Wir leben und wir wollen das in einem seiner Filme tun.

In ihrer Rede bei der Verleihung des „Goldenen Löwen – Ehrenpreis für ein Lebenswerk“ in Venedig 2019 widmete ihm Lucrecia Martel folgende Worte: „Lange bevor Frauen, Homosexuelle, Transfrauen in Massen auf begehrten gegen den miserablen Platz, den wir in der Geschichte hatten, hatte Pedro uns bereits zu Heldinnen gemacht“, und genau das ist es, was Pedro auszeichnet und hoffentlich noch lange Zeit unserem Leben einen Sinn gibt.

Daniel Sánchez López