Enigma

Weibliche Homosexualität in Pinochet's Regime


Enigma ist Ignacio Juricic Merilláns politisches Statement, ein Familiendrama, das das Versagen Chiles beim Schutz seiner Bürger*innen anprangert. Nancy erhält das Angebot, an einer Folge einer Fernsehsendung über ungelöste Rätsel teilzunehmen. Die Episode wird die Geschichte ihrer Tochter Sandra erzählen, einer jungen lesbischen Frau, die vor Jahrzehnten brutal ermordet wurde. Während sie sich entscheidet, ob sie an der Sendung teilnimmt, beginnt sie ihre Familie und deren Versionen der Geschehnisse zu hinterfragen und erfährt dabei mehr über die Person, die ihre Tochter war.

Dieses rein weibliche Fresko, erzählt mit der narrativen Wucht der lateinamerikanischen Literaturtradition (Gabriel García Márquez), beruht lose auf dem brutalen, homophoben Mord an der chilenischen Malerin und Bildhauerin Monica Briones, der sich am 9. Juli 1984 ereignete. Zunächst als Unfall abgetan blieb der Fall lange Zeit ohne Schuldige, bis sich einige Jahre später eine Fernsehsendung namens Enigma selbst der Sache annahm. Seit 2015 feiert Chile am 9. Juli den Día de la Visibilidad Lésbica.

Die Anprangerung eines homophoben Verbrechens ist der Subtext, der nie direkt angesprochen wird, und doch so präsent und lebendig ist in der Einladung zur Fernsehshow und in der ganzen zurückkehrenden Vergangenheit. Ignacio Juricic Merillán schafft es grandios Stimmungen zu skizzieren. Seine Kamera schleicht sich in den Familienalltag ein, der jeden Tag versucht, eine Tragödie, die sie für immer geprägt hat, in Normalität zu verwandeln. Sandra ist immer unter ihnen, in jeder Geste, jedem Wort, jedem Geruch. Diese Aura der Polizeistation, in der das Fernsehprogramm die Untersuchungen anstellt, ist das ausdrückliche Eingeständnis der Unfähigkeit eines Regierungssystems, der Institutionen, die Wahrheit herauskommen zu lassen und für Gerechtigkeit zu sorgen. Der Preis, der für dieses seltsame Gewahrsam zu zahlen ist, ist hoch: All die extreme Intimität von Sandras Leben, ihrer Homosexualität und des Schmerzes einer Familie wird in die Öffentlichkeit der gesamten Gesellschaft getragen.

Maria Cera

Über den Regisseur

Ignacio Juricic Merillán wurde 1990 geboren und absolvierte die Filmschule der Universidad de Chile. Sein Kurzfilm Locas Perdidas (Lost Queens) gewann den zweiten Preis der Cinéfondation bei den 68. Filmfestspielen von Cannes und die Queer Palm für den besten LGBT-Kurzfilm in der offiziellen Auswahl. Sein erster Spielfilm Enigma wurde vom chilenischen Kulturrat und dem Latin America Fund des Tribeca Film Institute finanziert und für das Australab FICValdivia, Rotterdam Lab, SANFIC Lab und Lobo Lab in Mar del Plata ausgewählt. Er nahm an den Work in Progress-Sektionen in Guadalajara und Toulouse teil und feierte seine Weltpremiere beim Internationalen Filmfestival von San Sebastián.